The Quitter oder: die seltsame Karriere des Christian Lindner

Wahlkampf gilt Politikbegeisterten – es soll sie noch immer geben – seit jeher als Hoch-Zeit der Demokratie. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass die politischen Akteure sich dem Votum des (Wahl-)Volkes stellen. Wer sich bereits im Amt und Würden befindet, hofft auf Kontinuität und Bestätigung. Wer erst noch etwas werden will, hofft darauf, die anderen abzulösen, zu verdrängen.

Um dieses Ziel zu erreichen, werden politische Programme auf Botschaften eingedampft. Botschaften – das sind appetitliche Häppchen, die bestenfalls jedem schmecken und Appetit auf mehr machen sollen. Appetit auf vier Jahre Bundesregierung unter Führung von Angela Merkel zum Beispiel. Na, schmeckt es Ihnen schon?

Diese Voraussetzungen gelten im Prinzip auch für den Bundestagswahlkampf 2017. Hier von einer Hoch-Zeit zu sprechen, fällt allerdings schwer. Die Botschaften der Parteien wirken wenig überraschend. Die CDU ist sich nicht zu schade, auf einem ihrer Wahlplakate den Begriff der Guten Arbeit von Gewerkschaften und Sozis abzukupfern. Was die dreiste aber erfolgreiche Langzeitstrategie von Frau Merkel eindrucksvoll auf den Punkt bringt: Beliebigkeit ist Trumpf, eigene Inhalte werden wie das Fähnchen in den Wind der demoskopischen Trends gehängt. Geben die Meinungsforscher grünes Licht, werden wendig die populären Inhalte „besetzt“. Nicht einmal Heiner Geißler hatte diese Dreistigkeit.

Die Sozialdemokraten üben sich, nachdem der spektakulär gestartete „Schulz-Zug“ inzwischen Bimmelbahn-Format angenommen hat, in Sprachspielen. Das ist für einen kurzen Augenblick sogar interessant, klappt auch beim Thema Rente noch ganz gut. Beim der Frage der Lohngerechtigkeit für Frauen und Männer fällt der Groschen vielleicht doch schon etwas langsamer. Und beim Verweis auf die alte Legende vom Volk der „Dichter und Denker“… na ja.

Die Grünen. Ja, die Grünen. Hätten verflucht gerne ein eigenständiges Programm. Fast alle ihre Positionen wurden allerdings in den letzten Jahrzehnten von den anderen Parteien absorbiert – vergleiche das System Merkel! Müssten jetzt eigentlich nur noch kompetent und sympathisch wirken. Möchten allerdings so gerne jemandem die Mehrheit beschaffen, dass man sie fast schon mit der F.D.P. verwechseln könnte. Das war’s dann mit der Sympathie.

Und ja – die F.D.P. Ihre Selbstinszenierung ist von ganz eigener Qualität. Wobei es korrekt heißen müsste: Die Selbstinszenierung von Herrn Lindner. Denn das ist offenbar die Kernbotschaft dieser alten Pendlerpartei: Die F.D.P. ist Christian Lindner. Und Christian Lindner ist die F.D.P. Kein Team, nirgends. Kein Personal, das durch Kompetenz, Erfahrung oder wenigstens ein Fünkchen Charisma in den letzten Jahren aufgefallen wäre. Fast schon wünscht man sich das alte Weinfass Brüderle zurück.

Der Lindner-Sprech ist das wahrscheinlich augenfälligste Merkmal dieses Wahlkampfes. Die F.D.P.-Phrasendreschmaschine spuckt scheinbar mühelos Floskeln aus, welche die ganze Schlichtheit dieses Polit-Marketings illustrieren. „Digitalisierung first. Bedenken second.“ Als hätten in einem der Vorzeigeländer der Industrialisierung Bedenken tatsächlich jemals eine substanzielle Rolle gespielt. Autos first. Autobahnen first. Atomstrom first. Rationalisierung first. Dieselsoftware first. Bedenken? Regeln dann hoffentlich unsere Nachkommen. Denn der Markt – und dies ist in Wahrheit noch immer der Kern jedes F.D.P.-Programms – der Markt weiß es besser. Der Markt wird es dann schon richten. Markt first.

Doch nicht nur das schlichte Wording der F.D.P. ist bestechend. Auch der Look soll zu verstehen geben: „Wir sind anders!“ Als gehörte die Partei nicht seit Jahrzehnten zum politischen Establishment, als hätte sie nicht an vielen Grundzügen der Bonner und Berliner Republik intensiv mitgezimmert. Als hätte sie sich nicht geradezu aufgerieben im jahrelangen unermüdlichen Kampf für Apotheker, Hoteliers und andere Leistungsträger.

Ist Herr Lindner so anders, weil er jetzt in Schwarz-Weiß daher kommt? Dabei statt cool doch immer ein bisschen verhungert in die Kamera schmachtet? Er gibt alles, um irgendwie als Alternative durchzugehen. Als ökonomisch versiert. Als seriös, verlässlich und standhaft. Genau das ist der Spin, den Christian Lindner sich und seiner Partei in diesem Wahlkampf geben möchte. Doch nichts könnte weiter entfernt von der Realität sein.

 

Er ist dann mal weg

Herr Lindner war als Generalsekretär der F.D.P. von 2009 bis 2011 durchaus ein tragender Teil seiner Partei, die damals noch mit der CDU die Bundesregierung darstellte. Eine Bundesregierung, die nach Meinung vieler als schlechteste Bundesregierung aller Zeiten in die Geschichte einging. Allerdings: Herr Lindner erkannte die Zeichen der Zeit früher als andere und verließ das sinkende Schiff, bevor es bei der Bundestagswahl 2013 endlich unterging. Eben dieses Hinschmeißen kurz vor dem Weg bergab ist so etwas wie ein Markenzeichen von Herrn Lindner.

Wer die kurze und hintergründige Geschichte des Internet-Unternehmens Moomax studiert, erkennt das Muster sicher wieder. Lindner, der soeben erst in den NRW-Landtag eingezogen war, fungierte als einer von drei Geschäftsführern bei Moomax. Das Unternehmen hat bei seiner Insolvenz neben dem Geld privater Investoren auch öffentliche Fördergelder der KfW in Höhe von ca. 1,4 Mio Euro verbrannt. Im April 2001 verließ Christian Lindner das Unternehmen. Kurze Zeit später war Moomax pleite.

Und wenn es jetzt, ein paar Monate nach der für die F.D.P. erfolgreichen Landtagswahl in NRW, dort ans echte Regieren geht und der nordrhein-westfälische Vorzeigeliberale eigentlich gebraucht würde, verabschiedet er sich lieber nach Berlin, wo er sich selbst nach oben loben will.

 

Irgendwie anders als Kernkompetenz – das reicht wohl nicht… oder doch?

Tatsächlich: der Mann ist irgendwie anders. Nicht wegen seiner Glatzen-Implantate. Nicht wegen seines seichten Marketing-Sprechs. Er ist anders, weil er gerne Leine zieht, wenn es brenzlig wird. Im Englischen gibt es dafür den schönen Begriff „Quitter“. Das ist einer, der abhaut, wenn es hart auf hart geht. Also eher Verdrücker-Mentalität als Zupacker und Macher. Eher „ich bin dann mal weg“ als „wir packen gemeinsam an“.

Mag sein, dass das nur allzu menschlich ist. Politisch wäre es allerdings gewagt, einer Welt der Trumps, Orbans, Szydlos, Erdogans und all der anderen Ego-Shooter einen wie Lindner entgegen zu stellen. Und das ist die finale Pointe an der wichtigtuerischen Selbstinszenierung der F.D.Lindner: So viel Spin bekommt seine Kampagne dann doch nicht hin, als dass man ihm sein Anders-sein abnehmen könnte. Wer anders ist, der steckt auch ein. Wer anders ist, eckt an. Für’s echte Anders-sein reicht es aber nicht, dass man schnell mal weg ist.