Helmut Schmidt: Der moralische Pragmatiker

Über die rhetorischen Fähigkeiten Helmut Schmidts ist viel gesprochen und geschrieben worden. Selbstverständlich kann der frühere Bundeskanzler als Vorbild gelten, wenn es um den ausgefeilten, souveränen und überzeugenden Einsatz von sprachlichen Mitteln geht. Schmidt war ein Meister der analytischen und argumentativen Formulierung von Inhalten. Wichtige Regierungserklärungen, etwa zu wegweisenden Entscheidungen in der Finanzpolitik oder der Außenpolitik konnten – heute kaum vorstellbar – zu politischen Lehrstunden im Deutschen Bundestag werden.

 

 

„Deutschnationaler Größenwahn“ – Zuspitzung und Attacke

Legendär war allerdings auch Schmidts Talent zur rhetorischen Zuspitzung. Im Zusammenhang mit der Debatte über die atomare Bewaffnung der Bundeswehr wählte Schmidt, gerichtet an die Adresse der damaligen Bundesregierung unter Adenauer, äußerste Schärfe, um Positionen zu klären:

„Legen Sie endlich Ihren deutschen, Ihren Deutschnationalen Größenwahn ab!“

Auch zu einem seiner wohl politischen Lieblingsgegner mit ebenfalls herausragenden rhetorischen Fähigkeiten, Franz-Josef Strauß, fielen Schmidt im Bundestagswahlkampf 1980 klare Worte ein:

„Dieser Mann hat keine Kontrolle über sich. Und deshalb darf er erst recht keine Kontrolle über unseren Staat bekommen!“

Bei aller Fähigkeit zur Zuspitzung und zu bisweilen auch heftiger Attacke war Helmut Schmidt nicht in erster Hinsicht „Rhetoriker“. Er konnte das Etikett des „Pragmatikers“, das ihm Journalisten zuschrieben, nach eigenen Worten „gut ertragen“:

„Ich bin nämlich in der Tat ein Pragmatiker. Aber kein theorieloser Pragmatiker. Und erst recht kein wertfreier Pragmatiker.“

 

Pragmatismus als Missverständnis?

Womöglich liegt hier eine der groben Fehldeutungen mancher zeitgenössischer politischer Akteure. Wird unter Pragmatismus nichts anderes als eine größtmögliche Wendigkeit verstanden, eine Art unendlicher Dehnbarkeit der eigenen Positionen, bleibt an politischer Substanz letztlich nichts mehr übrig. Und selbst wenn diese politische Substanzlosigkeit rhetorisch noch so schneidig kaschiert würde: für den Beobachter sind inhaltliche Leere und das weitgehende Fehlen eben von Werten, die Orientierung geben könnten, am Ende doch unübersehbar. Viel rhetorisches bling-bling macht eben noch nicht ministrabel. Und erst recht noch keinen Staatsmann.

 

Das Ethos des politischen Pragmatismus

Schmidts Beharren auf einem theoretisch fundierten und an klaren Werten orientierten Pragmatismus ist von zeitloser Bedeutung. In diesem Sinne bleibt das politische Bekenntnis, das Helmut Schmidt an das Ende seiner Abschiedsrede im Deutschen Bundestag gesetzt hat, ein gültiger Leitsatz für Politiker, politisch Interessierte und kritisch-selbstbewusste Staatsbürger:

„So möchte ich uns aufrufen zur Besinnung auf das Ethos eines politischen Pragmatismus in moralischer Absicht, unter moralischer Zielsetzung. Das heißt, das, was wir erreichen wollen, das, was wir tun wollen, das muß moralisch begründet sein. Der Weg, auf dem wir das Ziel zu erreichen versuchen, muß realistisch sein, er darf nicht illusionär sein. […]

Es sollte keiner glauben, daß solch Ethos die politischen Ziele ihres Glanzes beraube oder den politischen Alltag seines Feuers. Die Erreichung des moralischen Ziels verlangt pragmatisches, vernunftgemäßes politisches Handeln, Schritt für Schritt. Und die Vernunft erlaubt uns zugleich doch auf diesem Weg ein unvergleichliches Pathos. Denn keine Begeisterung sollte größer sein als die nüchterne Leidenschaft zur praktischen Vernunft.“

Am 23. Dezember wäre Helmut Schmidt 99 Jahre alt geworden.