Die Grenzen des öffentlichen Interesses oder: Medien und Verantwortung

Dramatisches hat sich in diesen Tagen in einer westdeutschen Kleinstadt ereignet. Ein neunjähriges Kind ist gestorben, mutmaßlich durch eine Selbsttötung. Das Geschehen ist so traurig, dass es einem nahezu die Sprache verschlägt. Beinahe ebenso verstörend ist allerdings das Vorgehen der Presse in diesem Fall. Nachdem lokale Medien zunächst einige Tage nicht über den Tod des Kindes berichtet hatten, wurde am 26. Oktober ein Artikel veröffentlicht. Nach der Erstveröffentlichung wurde der Bericht von anderen Medien aufgegriffen und weiterverbreitet. Innerhalb von weniger als 48 Stunden wurden Berichte zu diesem Geschehen mehr als 250.000mal angeklickt. In der westdeutschen Kleinstadt leben etwas mehr als 55.000 Menschen. Was gestern noch Menschen in einem kleinen Stadtteil einer unaufgeregten Stadt bewegt hat, wird nun als aufsehenerregende Nachricht in die Welt gesendet. Die Frage, die sich aufdrängt, lautet: Wem dient das?

 

 

Öffentliches Interesse – tatsächlich?

In einem Begleittext zur Berichterstattung heißt es, man berichte „in der Regel nicht über Suizide oder Suizidversuche.“ Da das Thema aber inzwischen „öffentlich diskutiert“ werde, habe man sich zur Berichterstattung entschieden. Das Argument, das hier durchscheint, betrifft einen wichtigen Auftrag der Presse in unserem Land: Die Unterrichtung der Öffentlichkeit. Dabei unterliegt es letztlich jeder Redaktion selbst, darüber zu entscheiden, welche Ereignisse und Themen in ihren Augen für die Öffentlichkeit interessant sind. Die Presse selbst trägt also die Verantwortung dafür, welche Themen sie öffentlich behandelt.

Für den vorliegenden Fall muss also die Frage gestellt werden: kommt hier die Presse tatsächlich einem öffentlichen Interesse nach? Oder befeuert sie nicht eher selbst durch ihre eigene Veröffentlichung dieses öffentliche Interesse, das ursprünglich auf eine Kleinstadt beschränkt war, indem sie das Geschehen auf die Bühne einer breiten Öffentlichkeit zerrt?

 

Drei Fragen zur Bewertung

Niemand möchte Redaktionsleitung und dem Redaktionsteam Leichtfertigkeit bei der Entscheidung über die Veröffentlichung unterstellen. Und doch wird man nicht darum herumkommen, zumindest drei Überlegungen nachzugehen, die zu einer objektiven Beurteilung der Situation führen können:

1. Die Richtlinien im Pressekodex des Deutschen Presserates weisen unter der Ziffer 8 auf die gebotene Zurückhaltung im Hinblick auf die Berichterstattung über Kinder und im Hinblick auf die Berichterstattung über Selbsttötungen hin. Der Maßstab für Zurückhaltung ist also im aktuellen Fall besonders hoch anzulegen. Allein durch die zeitlich verzögerte Berichterstattung wird die Presse in diesem Falle diesem hohen Maßstab nicht gerecht.

2. Es ist nicht zu erkennen, in welcher Hinsicht hier ein objektives öffentliches Interesse bestehen soll. Selbstverständlich wurde im Stadtteil und wohl auch darüber hinaus über dieses Ereignis gesprochen. Dass es aber über den Bereich der persönlichen Gespräche hinaus ein tatsächliches öffentliches Interesse an der vermutlichen Selbsttötung eines Kindes geben soll, darf grundsätzlich bezweifelt werden. Nicht auszuschließen ist allerdings, dass sich ein solches Interesse mittlerweile, also in Folge der Erstveröffentlichung, tatsächlich aufgebaut hat.

3. Die letzte und womöglich drängendste Frage lautet: Wem hilft eigentlich dieser Bericht? Deckt er einen Missstand auf, der behoben werden müsste? Liefert der Pressebericht wichtige Hintergrundinformationen, die zum Verständnis des Sachverhaltes notwendig wären? Zeigt er mögliche Auswege aus einer komplizierten Situation auf? Hilft dieser Bericht betroffenen Eltern? Hilft der Bericht Mitschülern und Freunden des gestorbenen Kindes? Hilft er den Lehrkräften der Schule, die sich bemühen, die emotionalen Aufwallungen der Kinder aufzufangen und zu beruhigen? Dient also der Artikel betroffenen Menschen in irgendeiner Form – oder orientiert er sich tatsächlich allein an einem abstrakten angeblichen öffentlichen Interesse?

 

Nicht immer muss veröffentlich werden, was veröffentlicht werden kann

Auch der dem Artikel beigestellte „Hinweis der Redaktion“ kann nicht den Blick darauf verstellen: Die verantwortliche Redaktion musste nicht etwa diesen Bericht veröffentlichen. Sie wollte ihn veröffentlichen. Das ist ein erheblicher Unterschied, der ethische Grundfragen des Journalismus berührt. Für die verantwortlichen Journalisten ist zu hoffen, dass sie für sich in diesen Fragen zu einem entlastenden Ergebnis kommen. Als kritischer Beobachter kann man allerdings zu dem Schluss kommen, dass diese ethischen Grundfragen im aktuellen Fall nicht angemessen beantwortet wurden. Auf Veröffentlichungen wie diese darf in Zukunft getrost verzichtet werden. Weil sie keinen Erkenntnisgewinn bewirken. Weil sie niemanden trösten. Weil sie für niemanden den Schmerz erträglicher machen. Weil sie niemandem nutzen. Außer natürlich den akribischen Auflagenzählern in den Verlagen.

 

Unverzichtbar: ein Blick in den Spiegel

Medienkritik ist häufig wohlfeil. Zu einfach ist es, „die Medien“ zu kritisieren für Fehler, die ihnen unterlaufen. Ebenso leicht (und häufig leichtfertig) werden heute die Lehrer, die Gewerkschaften, die Arbeitgeber und natürlich allen voran die Politiker für tatsächliches oder angebliches Fehlverhalten kritisiert. Daher lohnt sich ein kurzer Blick in den Spiegel: Wie intensiv darf oder sollte sich eigentlich jeder von uns für Fragen interessieren, die ganz offensichtlich die privatesten und häufig auch intimsten Bereiche anderer Personen und anderer Familien betreffen?

Oder anders gefragt: Sind wir durch den exzessiven Dauerkonsum von mehr oder minder verstörenden Nachrichten aus aller Welt schon so abgebrüht, dass es uns sogar als selbstverständlich erscheint, wenn auch Trauer, Tod und Verzweiflung tagtäglich in das unbarmherzig grelle Licht der Öffentlichkeit gestellt werden? Eine Öffentlichkeit, die am Geschehen teilnimmt, ohne wahrhaft Anteil zu nehmen. Eine Öffentlichkeit, die sich abstrakt interessiert, ohne sich konkret zu kümmern. Eine Öffentlichkeit, der die Erschütterung von heute häufig genug morgen kaum noch eine Erinnerung wert ist. Diese Öffentlichkeit – das sind wir selbst. Die Grenze zwischen Leichtfertigkeit und Verantwortung – auch diese Grenze ziehen wir selbst. Dieser Verantwortung entkommt niemand. Wie wir die Frage nach dieser Verantwortung beantworten, bestimmt darüber, wie viel ungestörte Privatheit und Intimität uns zukünftig noch bleiben.