Christian Lindner in: The Quitter II. Das Auge des Bambi

Von den Helden in Literatur und Film erwarten wir stets Besonderes. Der Held trifft auf seinem Weg auf Widerstände. Die Widerstände oder Widersacher versuchen, ihn von diesem Weg abzubringen, ihn aufzuhalten. Häufig besitzen die Widersacher die Kraft und die Macht, den Helden zu vernichten. Das will, das darf dieser nicht zulassen. Folglich muss er sich selbst übertreffen und über seine Grenzen gehen, um das Unmögliche möglich zu machen. Ohne dieses „Sich-selbst-übertreffen“ wäre zum Beispiel Rocky Balboa nicht Rocky Balboa. Dann hätte im dritten Teil der Saga der schier unüberwindliche „Clubber Lang“ den etwas klein geratenen Boxer aus Philadelphia am Ende wohl zu Rinderhack verarbeitet. Doch Rocky – der Held – schafft noch etwas ganz anderes. Er übertrifft sich nicht nur selbst – er überwindet sich selbst. Seine Furcht, seine Schmerzen, seine Eitelkeiten. Erst diese Selbstüberwindung macht ihn als Helden so imposant. Erst aus dieser Selbstüberwindung erwächst seine Größe. Für diese Größe lieben wir ihn.

 

 

Der Politiker als Held?

Von Politikern erwarten wir zu Recht keine Heldentaten. Das gehört nicht zu ihren Aufgaben. Wir erwarten jedoch, dass sie mit möglichst großer Sachkenntnis, mit Umsicht, mit Lauterkeit und Ernsthaftigkeit die Interessen des Volkes vertreten. Das klingt nicht annähernd so spektakulär, wie die fulminanten Heldenstories à la Rocky Balboa. Und doch: wenn es gelingt, dass Politiker der res publica dienen, wenn sie zwar nicht alles, aber doch vieles für viele erreichen, dann haben sie Anerkennung und Respekt verdient. Der Job ist schwierig, das öffentliche Ansehen gering. Und einige Medien tun mitunter, was sie können, um die politische Klasse trotzdem zu Rinderhack zu verarbeiten.

 

Lindner in seiner Paraderolle: The Quitter

In den letzten Wochen hatten wir uns beinahe an den Gedanken gewöhnt, zukünftig von Jamaika aus regiert zu werden. Das Wahlvolk hatte am 24. September gesprochen. Zunächst geschah nicht viel bei den ersten gegenseitigen Konsultationen – vor der Niedersachsenwahl trauten sich die (fast) designierten Regierungsparteien nicht, sich inhaltlich festzulegen. Das sagte bereits einiges über die Potenz der Beteiligten aus.

Nun sind wieder Wochen ins Land gezogen, man hat sich gestritten, scheinbar angenähert, dann wieder gestritten. Die CSU machte wie immer ihr Ding, die Grünen machten auf dauerverzagt und die Kanzlerin machte wie so häufig: nix. Wolfgang Kubicki musste „anderthalb Stunden duschen“, um die Anstrengungen der Verhandlungen abzuwaschen. So lange durfte Rocky in all seinen Filmen insgesamt nicht chillen.

Und dann, kurz vor dem Gong in der zehnten Runde, wirft Christian Lindner das Handtuch. Einfach so. In den letzten Tagen hatten Sondierungsteilnehmer durchsickern lassen, Lindner habe, nachdem CDU und Grüne erste Kompromissformeln in schwierigen Fragen gefunden hatten, in den Gesprächen mitunter plötzlich Positionen der CSU übernommen und damit eine finale Einigung verhindert. Nun muss man annehmen: Herr Lindner hatte wohl einfach keine Lust auf das Regieren. Wahrscheinlich von Anfang an nicht. Hätte er ja auch sofort sagen können. Hat er aber nicht. Dass Christian Lindner eine gewisse Vorliebe dafür hat, sich aus dem Staub zu machen, wenn es eng wird – darauf hatten wir an dieser Stelle schon einmal hingewiesen. Doch diesmal ist der Mann, der von Jürgen Möllemann einst mit dem Spitznamen „Bambi“ bedacht wurde, noch einen Schritt weiter gegangen.

 

Schmierenstück, kein Heldenstück

Der wahre Held muss sich nicht nur selbst übertreffen. Er muss sich auch selbst überwinden. Christian Lindner hat sich wieder einmal selbst übertroffen. Der politischen Öffentlichkeit über Wochen vorzumachen, dass man seriöses Interesse an einer Regierungsbildung hat, dann aber das Weite zu suchen, wenn die schwierigen Verhandlungen erst beginnen sollen – das hat schon was. Ein wirklicher Held aber wird Lindner mit diesem Schmierenstück kaum. Dazu hätte er sich selbst überwinden müssen. Seine Befürchtungen, vor allem aber seine Eitelkeiten. In dieser Selbstüberwindung hätte echte Größe gesteckt. Dies muss man aber als Zuschauer nicht mehr erwarten. Bevor der wahre Fight beginnen konnten, war das Fightchen schon vorüber. Die „Möchtegern-Regierer“ (Herbert Wehner, 1977) sind am Ende, bevor sie angefangen haben.

 

Held, verzweifelt gesucht!

In den kommenden Wochen werden einige der politischen Haupt-Akteure aus allen Parteien versuchen, die Heldenrolle selbst zu besetzen. Sie werden „hart arbeiten“, „unentwegt Gespräche“ führen, „bis an ihre Grenzen gehen“ und viele weitere Klischees aufrufen, um dem Wahlvolk ihre Suche nach einer tragfähigen Lösung zu veranschaulichen. Die Befürchtung aber, dass das Verhalten des FDP-Vorsitzenden nur ein Symptom ist für die mangelnde Lauterkeit und Ernsthaftigkeit zumindest eines Teils des politischen Personals in diesem Land – diese Befürchtung hat neue Nahrung erhalten. Eben dies schadet der Demokratie. Weit mehr, als zähe, aber zielführende Verhandlungen es täten. Demokratie – dies kann man nicht deutlich genug sagen – ist nichts für Handtuchwerfer. Denn: „Es ist erst vorbei, wenn es vorbei ist!“